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Zeitloser Raum. Fünf Tage und Nächte in der Transsib

Es gibt für mich keinen typischeren Klang in Sibirien als die durch die dunkle Nachtluft der Bahnhöfe hallende Frauenstimme der Lautsprecherdurchsagen. Es klingt gespenstisch verzerrt, wie eine Funksstimme aus dem All. Der Nachhall ist so zeitvezögert, dass sie sich mit ihrem eigenen Doppelklang überlagert. Kaum kann man die Worte verstehen, die diese mechanische Geräuschkette bilden. Ich sowieso nicht, mit meinen wenigen russischen Sprachfetzen.

Zwei Monate war ich in Sibirien. Ich bin durch Landschaften und Orte gereist und manchmal hier und da für eine längere intensive Weile irgendwo angekommen. Als freischaffende Künstlerin war ich in einer äußerst vage definierten Mischungsmission aus Urlaub, Arbeit und Abenteuer unterwegs. Vielleicht war ich auch auf einer tieferen Suche nach etwas, von dem ich aber, wenn, nicht wusste, was es war.

Zwischen Novosibirsk, dem Baikalsee, einer Kleinstadt namens Tynda, Jakutsk und Moskau – alles per Zug oder Auto – habe ich Vieles gefunden, was ich nicht erwartet hatte und Vieles, wonach ich auf der Suche gewesen war, nicht finden können. Statt Camping, Wanderungen und Abenteuer in wilder Natur war diese Reise vor allem geprägt durch Begegnungen. Ich habe menschliche Schätze gefunden und so nah kennenlernen dürfen, dass sie mein Leben nachhaltig bereichern werden und daneben viele weitere äußerst spannende – positive wie negative – zwischenmenschliche Erfahrungen gesammelt. Und nicht zuletzt habe ich mich selbst wieder einmal ein Stück besser kennengelernt.

Nun sitze ich im Zug nach Hause. Ich habe ein „Rückfahrticket am Stück“ gebucht – ohne die vielen Stops, über die ich mich vorher langsam von Ort zu Ort gehangelt habe Jetzt fahre ich von Tynda, etwa 1500 Kilometer östlich des Baikalsees, direkt nach Moskau. Fünf Tage und Nächte im Zug. Und weil Menschen immer mit Begeistung in der Stimme und mit diesem Augenleuchten aus Faszination über das Unbekannte fragen: Ja, es ist die Transsibirische Eisenbahn. Aber das Bild, diese milchige Vorstellung von diesem wilden, fernen, misteriösen von Abenteuern durchsähten Sibirien, das wir hier in Europa haben, ist in Wirklichkeit viel unspektakulärer als es in den meisten Köpfen gemalt wird.

Entschuldigung, ich muss desillusionieren: Die legendäre „Transsibirische Eisenbahn“ ist nicht ein bestimmter Luxuszug der auf einer ausgewählten Strecke durch die traumhaftesten Landschaften von Europa bis an das Japanische Meer fährt, während man als entspannter Passagier in hübsch hergerichteten Waggons von immerlächelnden Zugbegleiterinnen betüdelt wird. Nein.

„Die“ Transsibirische Eisenbahn gibt es eigentlich gar nicht. Das russlandweite Eisenbahnunternehmen heißt RZD und auf dem erst seit wenigen Jahren durchgängig verlaufenden Schienenstrang quer durch Russland fahren etliche ganz ordinäre Züge, die Orte und Menschen zweckmäßig miteinander verbinden. Diese Bahnstrecke bindet Menschen an den entlegendsten Orten, zu denen es häufig nicht einmal Straßenverbindungen gibt, an den Rest der Welt an. Diese Menschen sind auf sie angewiesen und sie nutzen sie für alle möglichen alltäglichen Anliegen: Den Bruder im drei Tagesreisen entfernten Dorf besuchen, zur Untersuchung in das sechs Stunden entfernte Krankenhaus oder nach den Ferien bei der Familie zurück in eine westrussische Großstadt zur Uni fahren.

Natürlich gibt es sie auch, diese vorher bei einer Reiseagentur gebuchten Luxuszüge, die einzig für und mit Touristen unter dem Titel „Von Moskau bis Vladivostock“ durch das Land fahren und es mag sein, dass die Konduktorinnen in ihnen wirklich außergewöhnlich viel gute Laune haben (vielleicht weil sie hoffentlich gut bezahlt werden, denn diese organisierten Reisen mit der Transsib sind höllisch teuer!). Meistens aber fährt man mit einem der vielen Züge ganz schlicht von einem Ort zum nächsten. Man kauft unkompliziert ein billiges Ticket an einem Bahnhofsschalter von dem die Farbschichten abblättern und sitzt dann in einem menschengefüllten, heißen Waggon der dritten Klasse, in dem Kinder schreien, die Leute Räucherfisch und eingelegte Gurken essen und unter den Sitzbänken immer noch eine Flasche Vodka versteckt haben, die sie fröhlich mit ihren Konsorten trinken. Die Zugbegleiterinnen sind meistens tatsächlich sehr nett und ein spannendes Erlebnis ist so eine Fahrt allemal. Aber fünf Tage sind eine verdammt lange Zeit.

Ich war gespannt auf die Fahrt. Am meisten darauf, wie sich fünf Tage mit so wenig Abwechslung anfühlen. Leider – entschuldigung, ich muss wieder desillusionieren – kann ich die landschaftliche Vorstellung, die wohl die Meisten (inklusive mir, vor dieser Reise) von Sibirien haben, nicht bestätigen. Es gibt sie wohl, die vielen unendlich abwechslungsreichen und wunderschönen Naturformationen. Nur ist Sibirien eben auch ein sehr, sehr großer Landstrich. So groß wie Europa. Daher vollzieht sich die Variation unglaublich schleppend, sofern man sie auf seinem Strekenabschnitt überhaupt erfährt. Denn viele der außergewöhnlichen Landschaften Sibiriens sind leider so weit entfernt und so schwer zu erreichen, dass sie einem gewöhnlich Reisenden komplett verwehrt bleiben. – Die sagenumwobene, kahle Tundra des hohen Nordens, die majestätischen Vulkane Kamchatkas, die gigantischen Wasserfälle und beeindruckenden Berge des Altaigebirges – alles schrecklich weit weg und schrecklich teuer zu organisieren.

Allermeistens ist Sibirien daher vor allem eins: Wald, Wald, Wald und Wald! Endlose Kiefern-, Lärchen- und Birkenwälder. (In die sich manchmal auch eine einzelne Pappel oder Tanne verirrt hat.) Man verzweifelt bei dem Versuch, sich ihre Endlosigkeit nur vorzustellen. In manchen Gegenden wirkt es, als sei Sibirien der Geburtsort aller Birken. Als wären die paar Birken, die uns in Europa ab und an den Weg kreuzen, einst von hier aufgebrochen um der Eintönigkeit ihresgleichen zu entfliehen die große weite Welt zu sehen, an einem fernen Ort zu wurzeln und dort ihr Glück zu finden.

Und so zauberhaft die Ursprünglichkeit dieser wilden Landschaft auch ist – eine derartig flächenriesige landschaftliche Gleichförmigkeit, wie sie sich auf einem langen Teil der Transsib-Strecke mit beharrlicher Penetranz in Auge, Kopf und Herz des Bahnreisenden meißelt, ist mir noch nie zuvor begegnet!

In dem 3.Klasse-Waggon mit offenen Abteilen habe ich eine gemütliche Pritsche, die sich tagsüber in einen Tisch mit zwei Sitzen verwandeln lässt. Außerdem fünfzehn aufgedrehte Männer um mich herum, die laut und fröhlich trinkend in ihren Urlaub fahren. Zwei Monate arbeiten – irgendwo am Ende der Welt bei einer Firma die irgendeinen Rohstoff aus dem Boden buddelt –, einen Monat Urlaub Zuhause bei Frau und Kindern. So leben viele hier in Sibirien.

Anfangs, als die Männer noch meinten in mir als alleinreisende Frau aus Deutschland ein gutes Spielzeug gefunden zu haben, war es sehr anstrengend. Aufmerksamkeitsmittelpunkt einer Horde trinkender Männer zu sein, ist immer nervig. Vor allem aber, wenn man kaum eine gemeinsame Sprache beherrscht. Man kann weder mitflachsen, noch doofe Sprüche souverän abwehren, noch ausreichend Informationen austauschen um ein interessantes Gespräch aufzubauen. So bleibt oft nur ein einseitiges vollgelabert-Werden vom süßem Dunst der Vodkafahne. Aber schon mit dem ersten Kater am zweiten Tag werde ich für die Gruppe uninteressanter. Ich verbringe viel Zeit mit Ausgucken und Nichtstun. Manchmal schreibe ich ein bisschen.

Entlang der Transsibirischen Einsenbahnstrecke riecht es durchweg nach gesägtem Holz, Diesel, Braunkohle und dem wunderbaren Parfum der Zugbegleiterin. Alle kurze Weile treffen wir einen entgegenkommenden Güterzug, denn der massige Rohstoffabtransport geschieht hier fast ausschließlich per Eisenbahn. Manchmal riecht es auch kurz und streng nach Fleisch, wenn die Abteilgefährten ihren – sicherlich hausgemachten – Proviant aus der Plastiktüte holen, mit einem riesigen Messer zerteilen und unter melodischem Gebrabbel schmatzend zum Chai verzehren. Ich knabbere tütenweise Zemetschkis – geröstete Sonnenblumenkerne, von denen ich glaube, dass sie sind einzig und allein für sibirische Bahnfahrten erfunden worden sind. Die Mischung aus Beschäftigtsein damit sie aus der Schale zu friemeln und kontinuierlicher, aber winzig portionierter Nährstoffaufnahme macht sie zum perfekten Reisegebleiter. Perfekt um Zeit rumzubringen.

Hohe Wichtigkeit hat im Zug „der Plan“ – ein laminierter Zettel, auf dem jeder Halt, den der Zug macht, eingetragen ist. Vor allem die Raucher studieren ihn mit großer Sorgfalt. Denn auch in Russland sind die Rauchergesetze in den letzten Jahren immer strenger geworden. Unsere netten Zugbegleiter Natalya und Denis, die sich mit Tag- und Nachtschicht abwechseln, den Boden fegen, die Toiletten sauberhalten und vor Bahnhöfen verschließen, Bettwäsche verteilen, mit den Passagieren scherzen und ihre Fragen beantworten, lassen uns zwar manchmal auch bei den 2-minütigen Stops heimlich aus der offenen Tür eine schnelle Zigarette rauchen. Aber einen längeren, würdigen Stop zum Beine vertreten, Rauchen und Essen kaufen gibt es nur alle 3-8 Stunden.

Es gibt eine geheime Raucherkammer in dem lärmenden Zwischenraum, wo zwei Waggons unter wackeligen Metallboden aneinanderdocken, die mich, wenn ich beobachte wie regelmäßig Menschen darin verschwinden und irgendwann wieder auftauchen, an die Disapparierkammern aus Harry Potter erinnern. Doch ich traue mich nicht, sie zu benutzen. Nicht, weil ich Angst habe mich plötzlich in der Nocturngasse wiederzufinden, sondern weil streng schauende Polizisten regelmäßig den Zug patroullieren und Passagiere, die Rauchen oder Trinken, hochnehmen und Strafe zahlen lassen.

Der heilige Plan hängt am Anfang des Waggons, zwischen dem Kabuff der Zugbegleiter und dem Samowar, aus dem man rund um die Uhr kostenlos heißes Wasser für Tee oder Tütensuppen zapfen kann. Auf diesem Plan steht der Name jeden Bahnhofs an dem gehalten wird, dahinter die dortige Aufenthaltsdauer in Minuten (von 1 bis 140 ist alles dabei) sowie die Ankunfts- und Abfahrtszeit in Moskau-Zeit. Die Moskau-Zeit…

Russland streckt sich über elf Zeitzonen. Sechs davon überfahre ich auf meiner fünftägigen Reise. Alle Uhrzeiten, die mit der Bahn zu tun haben, werden stets in Moskau-Zeit angegeben, um Verwirrungen zu vermeiden. Zusätzlich wird auf Tickets und an Bahnhöfen aber auch die „Miesta“-Zeit verwendet, die Ortszeit. Nachdem ich – immer weiter westwärts reisend – die ersten Zeitzonen ohne geistige Probleme überquert habe und mein Handy dabei stets auf den „aktuellen Stand der Zeit“ bringen konnte, bin ich nach der dritten oder vierten Umstellung irgendwann doch vollkommen verwirrt. Wenn ich nun wieder eine Stunde zurückstelle, wieviele Stunden muss ich danach dann noch auf die auf dem Plan angegebene Moskau-Zeit draufrechnen um zu wissen, wann wir halten? Was eine ganze Zeit lang in meinem Kopf gut funktioniert hat, blockiert jetzt total.

Erst am letzten Tag unserer Reise, an dem wir unter zunehmendem Tempo bei weniger Stops ganze drei Zeitzonen überfahren und auch die landschaftliche Veränderung sowie die Dichte der Zivilisation entlang der Bahnstrecke rasant ansteigt, komme ich dahinter, das die Zeit die mein Handy anzeigt, eigentlich vollkommen egal ist. Ich hätte mein Handy genauso gut auf den anfänglichen Moskau +6 Stunden lassen und weiterhin damit rechnen können. Dann wäre es zwar irgendwann abends wirklich früh dunkel gewesen, aber einfacher.

Denn der Zug, in dem wir alle uns befinden, ist sogesehen ein zeitloser Raum. Er bewegt sich durch menschgemachte Zonen der Zeit, die nur an den Bahnhöfen existieren die wir passieren, die nur im Kontakt mit der Außenwelt überhaupt erst „real“ werden. (Sofern man bei der Zeit überhaupt von einer „Realität“ zu sprechen wagt…) Ich weiß nicht, ob es die Theorie der Transzendenz oder die des radikalen Konstruktivismus ist, die ich da gerade verstanden habe, weil ich mich mit meinem eigenen Körper in ihr bewege. Ich weiß, dass mir die meisten Theorien zu kompliziert sind, aber dass mich diese Fahrt in der Transsibirischen Eisenbahn zu einem ganz neuem Empfinden von Zeit und Distanz geführt hat.

Nach fünf Tagen durch siebentausend Kilometer, deren landschaftliche Vielfalt mit der Strecke Oldenburg – Hildesheim vergleichbar ist, auf einem Radius von 20 Quadratmetern, dessen Abwechslungsspektrum nicht mehr als Sitzen oder auf dem Gang stehen, Essen oder Nichtessen, Wachsein oder Schlafen beinhaltet, hat irgendwann nichts mehr einen Anfang oder ein Ende. Alles geht ineinander über, verschwimmt, wie ein Richter-Gemälde, wie die vorbeiziehenden, endlosen Baumstämme. Zeit fühlt sich nichtexistent an.

Die Männer gegenüber schauen Prison Break auf Russisch in Endlosschleife und die meisten ihrer Stimmen kann ich inzwischen im Dösen mit geschlossenen Augen zuordnen. Alle kurze Weile überqueren wir einen weiteren glasklaren Fluss von den Ausmaßen des Rheins, ein Bahnhof sieht aus wie der nächste und eine einzelne Stunde ist nur noch ein Witz von Zeit, der mit dem nächsten Schmunzeln schon vergangen ist.

Ich scheine zu verschmelzen, mit der Zeit, die ich nicht mehr fühle, mit dem Drumherum, dass mir so bekannt geworden ist, dass ich es kaum noch wahrnehme und mit einem Ort, an dem ich nicht mehr bin. Zeit und Raum haben sich in Bewegung verwandelt. Pure, stetige Bewegung. Auch in mir. Meine Gedanken reisen mir vorraus nach Hause, wo so vieles auf mich wartet. Und ich bin voll von so viel Neuem, was ich dorthin mitnehme.

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