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Tommot

Da, wo die Eisenbahnlinie Richtung Norden endet und nur noch eine Schotterpiste über tausende Kilometer Einsamkeit weiter durch endlose Lärchenwälder – die links und rechts der Straße weiß wie mit Puderzucker von Staub bedeckt sind – ins Nirgendwo kriecht, da liegt Tommot.

Vielleicht ist Tommot der Inbegriff von Sibirien. Zumindest von der Vorstellung von Sibirien, die man hat, bevor man herkommt und feststellt, dass andere Orte auch anders sein können. Vielleicht ist Tommot aber eigentlich auch der Inbegriff für etwas ganz Anderes. Nämlich für die Sehnsucht nach Sicherheit.

Macht man sich nach Tommot auf den Weg, kommt man durch eine kleine, staubige Fernverkehrsraststätte, die trotz ihrer ständigen Bewegung wirkt, als würde dort die Zeit stillstehen. Ein undankbarer Durchfahrtsort unzufriedener Seelen, Erschöpfter und Beschäftigter.

Dort gibt es zwei 24-h-Kafes aus buntem Wellblech, die Chai, Kotletis und bunt-verpackte Schokoladenriegel verkaufen, eine Tankstelle und ein kleines Frischmachhäuschen, in dem eine gelangweilte Frau 30 Rubel fürs Pinkeln kassiert und ein Vermögen fürs Duschen. Und eine Schinomontasch, vor der sich neben einem riesigen angeketteten Kläffköter benutzte Reifen zu Haufen türmen. Hier wird gewerkelt, repariert und ausgetauscht, was auf der endlosen Schlaglochpiste kaputtging. Davor sitzen drei ältere Frauen, die mit geringst möglichem Enthusiasmus versuchen selbstgesammelte Blaubeeren zu verkaufen, die in großen Weckgläsern in der unbarmherzigen Hitze vor sich hinmatschen.  Es kommen LKWs, Geländewagen und einzelnen normale Autos, parken kurz und fahren wieder. Die Menschen hier sind in ihren Gedanken. Stumm erledigen sie Dinge. Sie haben wenig Elan für einen Plausch und wenig Elan zu Helfen. Wenig Elan für irgendetwas, wirklich. Alle sind sie mit ihren Gedanken woanders. Entweder an den Orten die sie zurückgelassen haben, an denen, zu denen sie unterwegs sind oder an denen, an denen sie gerne wären.

Vor dem Café prügeln sich zwei Männer, bis der staubige Boden blutige Spuren trägt. Spuren roher, archaischer, alkoholisierter, männlicher Gewalt, wie ich sie schon an anderen sibirischen Orten gesehen habe. Nicht, dass die Sibiriaken im Vergleich zu anderen Völkern außergewöhnliche Alkoholiker wären. Nicht, dass sibirische Männer besonders gewalttätig wären. Nicht, dass sie sexistischer oder respektloser wären als Männer anderswo. Ich möchte glauben, dass es ein Zufall ist, dass ich hier so vielen von ihnen begegnet bin. Denn ich habe nicht die geringste Lust, irgendwelche Vorurteile zu bestätigen.

Utulik, Baikalsee, ein Sommernachmittag.

Walodia begleitet mich auf eine Wanderung. Eigentlich leitet er sie an. Obwohl ich mich nach nichts mehr sehne, als alleine zu sein. Das habe ich deutlich gemacht. Fast darum gebettelt. Aber alleine fände ich ja den Weg nicht. Wäre alleine auch nicht sicher und überhaupt, hätte Walodia ja sonst auch nicht so viele Gelegenheiten, sich als paarungswilliges Alphatier bestmöglich zu präsentieren. Walodia… Der gute Freund von guten Freunden. Der ständig durch Gesten zeigt, wie stark und männlich er ist, der ständig fragt, „er sei doch noch nicht alt, mit seinen 70 Jahren, oder?“, Walodia,… der keine Gelegenheit auslässt zu posen, nackt vor mir den Fluss zu durchschwimmen oder neckisch immer wieder ein bisschen Körperkontakt zu mir aufzunehmen und nebenbei ein Vodka nach dem anderen trinkt. Walodia, Ein guter Freund von guten Freunden, zu dem mich heute diese guten Freunden gebracht haben, weil sie sich in der sibirischen Einsamkeit um mich als alleinreisende Frau sorgten.

Walodia fragt mich mitten im Wald eindringlich, ob ich mir nicht einen sibirischen Mann vorstellen könnte, fragt, ob ich ihn denn nicht ebenso liebe wie er mich, fragt, ob wir nicht beieinander schlafen wollen. Walodia…. Ich bin sein Gast. (Ich habe das massive Bedürfnis, mich ebenfalls zu betrinken. Doch ich trinke keinen Schluck, weil ich das noch dringendere Bedürfnis habe, meinen klaren Verstand aufrecht zu erhalten.) Ich schlage mein Schlafsacklager auf seiner Veranda auf, weil ich mir einen potentiellen Fluchtplan in meinem Kopf zurechtbaue. Doch Walodia ist hartnäckig. Noch zwei Mal kommt er zu mir, immer stärker alkoholisiert, um zu fragen, ob er nicht doch bei mir schlafen solle. Es ist eine von zwei Nächten in Sibirien, die ich mit meinem Taschenmesser in der einen, und mit meinem Pfefferspray in der anderen Hand einschlafe.

Allein die Tatsache, als Frau alleine innerhalb Sibiriens zu reisen scheint ein geheimes Codewort dafür zu sein, in Wirklichkeit eigentlich nur nach männlicher Penetration zu suchen. „Adna?“ – „Adna!“ Ja, ich reise alleine, nein, ich habe keinen Mann zuhause, und das ist auch gut so, ja, das ist Absicht, das hab ich mir so ausgesucht, und ich weiß auch nicht, warum das jetzt gerade eine Rolle spielen sollte, und nein, ich habe keine Angst, auch nicht vor DIR, aber ich bin es Leid! von Männern wie DIR geil angeguckt, in Banjas und zu Sex eingeladen zu werden, anstatt als Mensch, und nicht nur als Frau behandelt zu werden.

Sibirien ist eine Landmasse von unbegreiflicher Größe und undurchdringlichen Wäldern. Voll von Distanzen, Isolation und Leere. Eine Landmasse voll weniger Menschen, die unerschöpflich Öl, Erze und Diamanten aus dem Boden buddeln. Die sich tapfer durch kalte, lange Winter kämpfen und die klaglos dörre Sommer und Mückenplagen hinnehmen. Menschen, die mit wenig auskommen und wenig Ansprüche haben. Menschen, die gerne mit ihren Nachbarn einen Trinken und füreinander da sind. Sibirien ist eine Landmasse voll Herzlichkeit. Voll Menschen, die nach Durchbruch ihrer harsch wirkenden Fassade Hilfsbereitschaft, Spaß, Liebenswürdigkeit und Treue zeigen, die ich fast als so grenzenlos erfahren habe, wie ihre Lärchenwälder. Doch selbst das Miteinander und die tapferen Beschäftigungen können nicht die allumfassende Leere aufwiegen, die hier in der Luft liegt, die sich in jedes Herz schleicht – auch in meines – und an ihm nagt. Viele Herzen Sibiriens sind einsam. Und unzufrieden.

Dorf Bystraja, 2 Uhr 40, eine laue Sommernacht.

Ich bringe meine Nachbarin Irina nach Hause. Sie hat mit uns im Garten sehr viel Wodka getrunken. So viel, dass ich mich frage, was sie wegzutrinken versucht. Eben ist sie beinahe vom Hocker gekippt und nun kann sie unmöglich selbständig nach Hause laufen. Ich begleite sie nach nebenan, wo ihr Mann und ihr kleiner Sohn auf sie warten. Als sie den Schlüssel endlich unter wiederholtem „was ich für ein feines Mädchen sei!“ ins Schloss gefummelt hat, wird die Tür vor uns aufgerissen und ein Mann steht im grellen Gegenlicht. Er schlägt seiner Frau so plötzlich mitten ins Gesicht, dass sie sofort umfällt und ich Sekunden brauche, um das Geschehen zu realisieren. Mit seinem Fuß tritt er in das zusammengekauerte und wimmernde Häufchen Elend auf der sandigen Dorfstraße, das seine Frau ist. Ich stehe steif und fassungslos, zitternd vor Angst und Entsetzen. Leise bringe ich ein: „Ey! Niet!“ hervor. Er hält inne und starrt mich an, durchdringend, still und drohend. Mit einer unwirklichen Wut und Unberechenbarkeit, der ich noch nie zuvor so ins Auge gesehen habe. Ich habe Angst. Angst, dass er mit mir dasselbe macht. Angst, dass er nachsetzt und seine Frau noch schlimmer verletzt. Ich möchte diese Frau beschützen. Und schäme mich, dass ich stocksteif stehe und mich nicht traue, es zu tun. Der Mann wendet seinen Blick ab, spuckt auf seine am Boden liegende Frau, dreht sich um, und verschwindet im Haus. Ich ziehe die weinende Irina vom Boden hoch, nehme sie in den Arm und schleife sie wieder zu uns. Ich frage mich nicht mehr, warum sie so viel trinkt.

Ich stehe an der staubigen Raststation Tommot am Fenster des Cafés und schaue zu, wie die zwei Männer sich blutig prügeln. Eine junge Frau rennt verzweifelt schreiend zwischen ihnen umher und versucht immer wieder einen der Männer wegzuziehen. Er stößt sie grob weg, sodass sie auf den Boden fällt, um sich wieder wie ein tobender Stier auf seinen Rivalen wegen Weißgottwas zu stürzen.

In mir die Leere Tommots. Sie ist ein Gemisch aus fassungslosem Kopfschütteln, Wut, stumpfer Resignation und verzweifelter Ratlosigkeit. Über all die Arschlöcher, denen ich hier begegnet bin. Denen ich in meinem Leben schon begegnet bin. Ich habe diese Männer so satt. Vielleicht gibt es hier mehr davon als anderswo. Vielleicht ist es Zufall. Definitiv gibt es im Allgemeinen viel zu viele von ihnen. Plötzlich überfällt mich eine unendliche Sehnsucht nach „meinen Männern zuhause“. Anständige Kerle, jeder einzelne von ihnen. Freunde, allem voran. Manche von ihnen auch mehr. Aber unsere Verhältnisse machen bei diesem Gefühl, nach dem ich mich jetzt so sehr sehne wie nie zuvor, keinen Unterschied. Eine Rolle spielt einzig der Respekt, den sie verkörpern und den ich hier vermisse. Meine Männer zuhause… Die fragen, wie es mir geht, und die es auch wissen wollen. Die mich nie wie „nur eine Frau“ oder herabfällig behandeln würden, nie auf meine Brüste starren oder etwas Übergriffiges tun würden. Meine Männer Zuhause… Mit denen ich gemeinsam im Bett liege, einfach nur um einen Film zu gucken oder Musik zu hören, einfach so. Ohne dass es ein Versprechen oder ein vor-Vorspiel ist. Weil Frau und Mann so etwas heutzutage in meiner Lebenswelt machen können.

Die staubige Stille Tommots flüstert mir das Erwachen meiner Naivität. Die schmerzhafte Erkenntnis, dass Männer wie „meine Männer zuhause“ keine Selbstverständlichkeit sind. Dass sie weltweit vielleicht nicht einmal die Mehrheit darstellen. Dass wahrscheinlich die wenigsten Frauen weltweit sich automatisch so sicher fühlen können, wie ich es aus meiner Lebenswelt gewohnt bin.

Die hier endenden Eisenbahnschienen zeichnen ein großes Bild mitten ins Nirgendwo. Eine Zeichnung von Leere und Lethargie, von animalischem Verhalten und männlichen Abgründen. Abgründen, die hier ihre Außergewöhnlichkeit für mich verloren haben.

Wahrscheinlich ist es Zufall, dass ich auf dieser Reise so vielen Männern begegnet bin, die mir diese Gefühle und Erkenntnisse nähergebracht haben. Trotzdem bleiben Utulik und Bystraya und Tommot in mir. Und Edinburgh und Alkudia und St.Dizier und viele andere Orte, an denen sich ebenfalls Arschlöcher in mein Leben eingebrannt und es nachhaltig beeinflusst haben. Und das ist gut so. Damit ich nie vergesse. Damit es mich erinnert, was längst noch nicht selbstverständlich ist. Damit ich dafür kämpfe, was selbstverständlich werden MUSS:

Es MUSS, überall auf der Welt, eine Selbstverständlichkeit sein, dass Frauen sich in Gegenwart von Männern sicher fühlen können!

Dass sie sich keine höflichen aber bestimmten Ausreden ausdenken müssen!

Dass sie sich nicht um potentielle Fluchtmöglichkeiten sorgen müssen!

Dass sie mit Respekt behandelt werden!

Es muss, überall auf der Welt!, selbstverständlich sein, dass Frauen keine Angst haben müssen!

Auch – und gerade – dort, wo die Eisenbahnlinie endet.

Zeitloser Raum. Fünf Tage und Nächte in der Transsib

Es gibt für mich keinen typischeren Klang in Sibirien als die durch die dunkle Nachtluft der Bahnhöfe hallende Frauenstimme der Lautsprecherdurchsagen. Es klingt gespenstisch verzerrt, wie eine Funksstimme aus dem All. Der Nachhall ist so zeitvezögert, dass sie sich mit ihrem eigenen Doppelklang überlagert. Kaum kann man die Worte verstehen, die diese mechanische Geräuschkette bilden. Ich sowieso nicht, mit meinen wenigen russischen Sprachfetzen.

Zwei Monate war ich in Sibirien. Ich bin durch Landschaften und Orte gereist und manchmal hier und da für eine längere intensive Weile irgendwo angekommen. Als freischaffende Künstlerin war ich in einer äußerst vage definierten Mischungsmission aus Urlaub, Arbeit und Abenteuer unterwegs. Vielleicht war ich auch auf einer tieferen Suche nach etwas, von dem ich aber, wenn, nicht wusste, was es war.

Zwischen Novosibirsk, dem Baikalsee, einer Kleinstadt namens Tynda, Jakutsk und Moskau – alles per Zug oder Auto – habe ich Vieles gefunden, was ich nicht erwartet hatte und Vieles, wonach ich auf der Suche gewesen war, nicht finden können. Statt Camping, Wanderungen und Abenteuer in wilder Natur war diese Reise vor allem geprägt durch Begegnungen. Ich habe menschliche Schätze gefunden und so nah kennenlernen dürfen, dass sie mein Leben nachhaltig bereichern werden und daneben viele weitere äußerst spannende – positive wie negative – zwischenmenschliche Erfahrungen gesammelt. Und nicht zuletzt habe ich mich selbst wieder einmal ein Stück besser kennengelernt.

Nun sitze ich im Zug nach Hause. Ich habe ein „Rückfahrticket am Stück“ gebucht – ohne die vielen Stops, über die ich mich vorher langsam von Ort zu Ort gehangelt habe Jetzt fahre ich von Tynda, etwa 1500 Kilometer östlich des Baikalsees, direkt nach Moskau. Fünf Tage und Nächte im Zug. Und weil Menschen immer mit Begeistung in der Stimme und mit diesem Augenleuchten aus Faszination über das Unbekannte fragen: Ja, es ist die Transsibirische Eisenbahn. Aber das Bild, diese milchige Vorstellung von diesem wilden, fernen, misteriösen von Abenteuern durchsähten Sibirien, das wir hier in Europa haben, ist in Wirklichkeit viel unspektakulärer als es in den meisten Köpfen gemalt wird.

Entschuldigung, ich muss desillusionieren: Die legendäre „Transsibirische Eisenbahn“ ist nicht ein bestimmter Luxuszug der auf einer ausgewählten Strecke durch die traumhaftesten Landschaften von Europa bis an das Japanische Meer fährt, während man als entspannter Passagier in hübsch hergerichteten Waggons von immerlächelnden Zugbegleiterinnen betüdelt wird. Nein.

„Die“ Transsibirische Eisenbahn gibt es eigentlich gar nicht. Das russlandweite Eisenbahnunternehmen heißt RZD und auf dem erst seit wenigen Jahren durchgängig verlaufenden Schienenstrang quer durch Russland fahren etliche ganz ordinäre Züge, die Orte und Menschen zweckmäßig miteinander verbinden. Diese Bahnstrecke bindet Menschen an den entlegendsten Orten, zu denen es häufig nicht einmal Straßenverbindungen gibt, an den Rest der Welt an. Diese Menschen sind auf sie angewiesen und sie nutzen sie für alle möglichen alltäglichen Anliegen: Den Bruder im drei Tagesreisen entfernten Dorf besuchen, zur Untersuchung in das sechs Stunden entfernte Krankenhaus oder nach den Ferien bei der Familie zurück in eine westrussische Großstadt zur Uni fahren.

Natürlich gibt es sie auch, diese vorher bei einer Reiseagentur gebuchten Luxuszüge, die einzig für und mit Touristen unter dem Titel „Von Moskau bis Vladivostock“ durch das Land fahren und es mag sein, dass die Konduktorinnen in ihnen wirklich außergewöhnlich viel gute Laune haben (vielleicht weil sie hoffentlich gut bezahlt werden, denn diese organisierten Reisen mit der Transsib sind höllisch teuer!). Meistens aber fährt man mit einem der vielen Züge ganz schlicht von einem Ort zum nächsten. Man kauft unkompliziert ein billiges Ticket an einem Bahnhofsschalter von dem die Farbschichten abblättern und sitzt dann in einem menschengefüllten, heißen Waggon der dritten Klasse, in dem Kinder schreien, die Leute Räucherfisch und eingelegte Gurken essen und unter den Sitzbänken immer noch eine Flasche Vodka versteckt haben, die sie fröhlich mit ihren Konsorten trinken. Die Zugbegleiterinnen sind meistens tatsächlich sehr nett und ein spannendes Erlebnis ist so eine Fahrt allemal. Aber fünf Tage sind eine verdammt lange Zeit.

Ich war gespannt auf die Fahrt. Am meisten darauf, wie sich fünf Tage mit so wenig Abwechslung anfühlen. Leider – entschuldigung, ich muss wieder desillusionieren – kann ich die landschaftliche Vorstellung, die wohl die Meisten (inklusive mir, vor dieser Reise) von Sibirien haben, nicht bestätigen. Es gibt sie wohl, die vielen unendlich abwechslungsreichen und wunderschönen Naturformationen. Nur ist Sibirien eben auch ein sehr, sehr großer Landstrich. So groß wie Europa. Daher vollzieht sich die Variation unglaublich schleppend, sofern man sie auf seinem Strekenabschnitt überhaupt erfährt. Denn viele der außergewöhnlichen Landschaften Sibiriens sind leider so weit entfernt und so schwer zu erreichen, dass sie einem gewöhnlich Reisenden komplett verwehrt bleiben. – Die sagenumwobene, kahle Tundra des hohen Nordens, die majestätischen Vulkane Kamchatkas, die gigantischen Wasserfälle und beeindruckenden Berge des Altaigebirges – alles schrecklich weit weg und schrecklich teuer zu organisieren.

Allermeistens ist Sibirien daher vor allem eins: Wald, Wald, Wald und Wald! Endlose Kiefern-, Lärchen- und Birkenwälder. (In die sich manchmal auch eine einzelne Pappel oder Tanne verirrt hat.) Man verzweifelt bei dem Versuch, sich ihre Endlosigkeit nur vorzustellen. In manchen Gegenden wirkt es, als sei Sibirien der Geburtsort aller Birken. Als wären die paar Birken, die uns in Europa ab und an den Weg kreuzen, einst von hier aufgebrochen um der Eintönigkeit ihresgleichen zu entfliehen die große weite Welt zu sehen, an einem fernen Ort zu wurzeln und dort ihr Glück zu finden.

Und so zauberhaft die Ursprünglichkeit dieser wilden Landschaft auch ist – eine derartig flächenriesige landschaftliche Gleichförmigkeit, wie sie sich auf einem langen Teil der Transsib-Strecke mit beharrlicher Penetranz in Auge, Kopf und Herz des Bahnreisenden meißelt, ist mir noch nie zuvor begegnet!

In dem 3.Klasse-Waggon mit offenen Abteilen habe ich eine gemütliche Pritsche, die sich tagsüber in einen Tisch mit zwei Sitzen verwandeln lässt. Außerdem fünfzehn aufgedrehte Männer um mich herum, die laut und fröhlich trinkend in ihren Urlaub fahren. Zwei Monate arbeiten – irgendwo am Ende der Welt bei einer Firma die irgendeinen Rohstoff aus dem Boden buddelt –, einen Monat Urlaub Zuhause bei Frau und Kindern. So leben viele hier in Sibirien.

Anfangs, als die Männer noch meinten in mir als alleinreisende Frau aus Deutschland ein gutes Spielzeug gefunden zu haben, war es sehr anstrengend. Aufmerksamkeitsmittelpunkt einer Horde trinkender Männer zu sein, ist immer nervig. Vor allem aber, wenn man kaum eine gemeinsame Sprache beherrscht. Man kann weder mitflachsen, noch doofe Sprüche souverän abwehren, noch ausreichend Informationen austauschen um ein interessantes Gespräch aufzubauen. So bleibt oft nur ein einseitiges vollgelabert-Werden vom süßem Dunst der Vodkafahne. Aber schon mit dem ersten Kater am zweiten Tag werde ich für die Gruppe uninteressanter. Ich verbringe viel Zeit mit Ausgucken und Nichtstun. Manchmal schreibe ich ein bisschen.

Entlang der Transsibirischen Einsenbahnstrecke riecht es durchweg nach gesägtem Holz, Diesel, Braunkohle und dem wunderbaren Parfum der Zugbegleiterin. Alle kurze Weile treffen wir einen entgegenkommenden Güterzug, denn der massige Rohstoffabtransport geschieht hier fast ausschließlich per Eisenbahn. Manchmal riecht es auch kurz und streng nach Fleisch, wenn die Abteilgefährten ihren – sicherlich hausgemachten – Proviant aus der Plastiktüte holen, mit einem riesigen Messer zerteilen und unter melodischem Gebrabbel schmatzend zum Chai verzehren. Ich knabbere tütenweise Zemetschkis – geröstete Sonnenblumenkerne, von denen ich glaube, dass sie sind einzig und allein für sibirische Bahnfahrten erfunden worden sind. Die Mischung aus Beschäftigtsein damit sie aus der Schale zu friemeln und kontinuierlicher, aber winzig portionierter Nährstoffaufnahme macht sie zum perfekten Reisegebleiter. Perfekt um Zeit rumzubringen.

Hohe Wichtigkeit hat im Zug „der Plan“ – ein laminierter Zettel, auf dem jeder Halt, den der Zug macht, eingetragen ist. Vor allem die Raucher studieren ihn mit großer Sorgfalt. Denn auch in Russland sind die Rauchergesetze in den letzten Jahren immer strenger geworden. Unsere netten Zugbegleiter Natalya und Denis, die sich mit Tag- und Nachtschicht abwechseln, den Boden fegen, die Toiletten sauberhalten und vor Bahnhöfen verschließen, Bettwäsche verteilen, mit den Passagieren scherzen und ihre Fragen beantworten, lassen uns zwar manchmal auch bei den 2-minütigen Stops heimlich aus der offenen Tür eine schnelle Zigarette rauchen. Aber einen längeren, würdigen Stop zum Beine vertreten, Rauchen und Essen kaufen gibt es nur alle 3-8 Stunden.

Es gibt eine geheime Raucherkammer in dem lärmenden Zwischenraum, wo zwei Waggons unter wackeligen Metallboden aneinanderdocken, die mich, wenn ich beobachte wie regelmäßig Menschen darin verschwinden und irgendwann wieder auftauchen, an die Disapparierkammern aus Harry Potter erinnern. Doch ich traue mich nicht, sie zu benutzen. Nicht, weil ich Angst habe mich plötzlich in der Nocturngasse wiederzufinden, sondern weil streng schauende Polizisten regelmäßig den Zug patroullieren und Passagiere, die Rauchen oder Trinken, hochnehmen und Strafe zahlen lassen.

Der heilige Plan hängt am Anfang des Waggons, zwischen dem Kabuff der Zugbegleiter und dem Samowar, aus dem man rund um die Uhr kostenlos heißes Wasser für Tee oder Tütensuppen zapfen kann. Auf diesem Plan steht der Name jeden Bahnhofs an dem gehalten wird, dahinter die dortige Aufenthaltsdauer in Minuten (von 1 bis 140 ist alles dabei) sowie die Ankunfts- und Abfahrtszeit in Moskau-Zeit. Die Moskau-Zeit…

Russland streckt sich über elf Zeitzonen. Sechs davon überfahre ich auf meiner fünftägigen Reise. Alle Uhrzeiten, die mit der Bahn zu tun haben, werden stets in Moskau-Zeit angegeben, um Verwirrungen zu vermeiden. Zusätzlich wird auf Tickets und an Bahnhöfen aber auch die „Miesta“-Zeit verwendet, die Ortszeit. Nachdem ich – immer weiter westwärts reisend – die ersten Zeitzonen ohne geistige Probleme überquert habe und mein Handy dabei stets auf den „aktuellen Stand der Zeit“ bringen konnte, bin ich nach der dritten oder vierten Umstellung irgendwann doch vollkommen verwirrt. Wenn ich nun wieder eine Stunde zurückstelle, wieviele Stunden muss ich danach dann noch auf die auf dem Plan angegebene Moskau-Zeit draufrechnen um zu wissen, wann wir halten? Was eine ganze Zeit lang in meinem Kopf gut funktioniert hat, blockiert jetzt total.

Erst am letzten Tag unserer Reise, an dem wir unter zunehmendem Tempo bei weniger Stops ganze drei Zeitzonen überfahren und auch die landschaftliche Veränderung sowie die Dichte der Zivilisation entlang der Bahnstrecke rasant ansteigt, komme ich dahinter, das die Zeit die mein Handy anzeigt, eigentlich vollkommen egal ist. Ich hätte mein Handy genauso gut auf den anfänglichen Moskau +6 Stunden lassen und weiterhin damit rechnen können. Dann wäre es zwar irgendwann abends wirklich früh dunkel gewesen, aber einfacher.

Denn der Zug, in dem wir alle uns befinden, ist sogesehen ein zeitloser Raum. Er bewegt sich durch menschgemachte Zonen der Zeit, die nur an den Bahnhöfen existieren die wir passieren, die nur im Kontakt mit der Außenwelt überhaupt erst „real“ werden. (Sofern man bei der Zeit überhaupt von einer „Realität“ zu sprechen wagt…) Ich weiß nicht, ob es die Theorie der Transzendenz oder die des radikalen Konstruktivismus ist, die ich da gerade verstanden habe, weil ich mich mit meinem eigenen Körper in ihr bewege. Ich weiß, dass mir die meisten Theorien zu kompliziert sind, aber dass mich diese Fahrt in der Transsibirischen Eisenbahn zu einem ganz neuem Empfinden von Zeit und Distanz geführt hat.

Nach fünf Tagen durch siebentausend Kilometer, deren landschaftliche Vielfalt mit der Strecke Oldenburg – Hildesheim vergleichbar ist, auf einem Radius von 20 Quadratmetern, dessen Abwechslungsspektrum nicht mehr als Sitzen oder auf dem Gang stehen, Essen oder Nichtessen, Wachsein oder Schlafen beinhaltet, hat irgendwann nichts mehr einen Anfang oder ein Ende. Alles geht ineinander über, verschwimmt, wie ein Richter-Gemälde, wie die vorbeiziehenden, endlosen Baumstämme. Zeit fühlt sich nichtexistent an.

Die Männer gegenüber schauen Prison Break auf Russisch in Endlosschleife und die meisten ihrer Stimmen kann ich inzwischen im Dösen mit geschlossenen Augen zuordnen. Alle kurze Weile überqueren wir einen weiteren glasklaren Fluss von den Ausmaßen des Rheins, ein Bahnhof sieht aus wie der nächste und eine einzelne Stunde ist nur noch ein Witz von Zeit, der mit dem nächsten Schmunzeln schon vergangen ist.

Ich scheine zu verschmelzen, mit der Zeit, die ich nicht mehr fühle, mit dem Drumherum, dass mir so bekannt geworden ist, dass ich es kaum noch wahrnehme und mit einem Ort, an dem ich nicht mehr bin. Zeit und Raum haben sich in Bewegung verwandelt. Pure, stetige Bewegung. Auch in mir. Meine Gedanken reisen mir vorraus nach Hause, wo so vieles auf mich wartet. Und ich bin voll von so viel Neuem, was ich dorthin mitnehme.