Category Archives: Observing daily life

Prioritäten – Scherben auf dem Badezimmerfußboden

Seit zweieinhalb Tagen – also ungefähr 35 mal Pinkeln – starre ich jedes mal, wenn ich auf der wackligen Klobrille sitze, die zerfransten Ränder eines Glases und seine fortgeschleuderten Scherben auf dem Badezimmerfußboden unter dem Waschbecken an. Auch wenn ich zum Zähneputzen, Händewaschen, Haarebürsten, Wasserholen, Tasseausspülen oder Abwaschen hereinkomme, funkeln sie mir entgegen.

Zur Zeit läuft alles, das mit Flüssigkeiten zu tun hat, durch das Badezimmer. Es ist der einzig funktionierende Wasseranschluss. Da passiert es schon mal, dass beim Abwaschen aus der Hocke vom schmalen Rand der Duschwanne ein Glas abrutscht. Es ist nur das allerletzte, das man in so einer provisorischen Gesamtsituation gebrauchen kann! Deshalb liegt es immernoch dort und glitzert unberührt vor sich hin. Obwohl ich den manchmal stärkeren, manchmal schwächeren Impuls es wegzuräumen nicht leugnen kann, hat dieses kaputte Glas in genau dem Moment, als es klirrend auf seinem neuen Platz zu liegen kam, seinen Rang auf der Prioritätenliste zugeteilt bekommen. Das muss es, wie auch ich, akzeptieren.

Im Grunde funktioniert hier alles wie in einem Amt: Wenn jemand hereinkommt, der etwas will, zieht er eine Nummer und muss sich – egal wie dringlich das Anliegen zu sein scheint – gedulden, bis er an der Reihe ist. Andere waren vor ihm da. Die traurige Gastherme, die aus allen Löchern rostet, das modrige Holz, das vor Feuchtigkeit hustet, der Stromversorger, der am Wochenende telefonfrei hat – sie alle guckten nur kurz gelangweilt von ihren Wartesitzen auf, als das Glas hereingescheppert kam. „Hups, tschuldigung“ stammelte der Scherbenhaufen verlegen und setzte sich leise auf seinen Platz mit dreistelliger Wartenummer. Alle anderen sitzen schon lange dort.

Natürlich gibt es hier einen Schalter für Notfälle: Kotzende Katzen, Funkenflug vorm Ofen, kollabierende Wände und Trockenholzanlieferung bei Hagelschauer – also existenzielle Happenings – werden immer mit erhöhter Priorität behandelt. Dennoch, auch sie der Reihe nach. Sachbearbeiter von flinkem Verstand stellen dafür zu jeder Stunde ihr logisches Blitzabwägen unter Beweis: Ruinieren Katzenkotze oder Glutklumpen schneller den Fußboden? Tragen intakte Fensterdichtungen oder Schamottsteine im Ofen schneller zu überlebenstauglicher Raumtemperatur bei? Und dann müssen sie schnelle und richtige Handlungen einleiten.

Jedenfalls muss das kaputte Glas mit seinem Papierwartenümmerchen in der Hand seufzend feststellen, dass es keine Chance hat, annähernd mit Schimmelflecken oder Stromausfällen zu konkurrieren und wohl noch eine ganze Weile auf den kalten Kacheln vor sich hin glitzern muss, bis seine Zeit gekommen und es an der Reihe ist.

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Sonnenscheinillusionen. Sitzenbleiben ist realistisch

Schönes Wetter wühlt mich auf, hetzt mich. Anders als das sichere beständige Grau in dem nichts Eile hat.

Quietschfröhlicher Sonnenschein trägt die Stimme meiner Mutter. „Ich versteh´ gar nicht, wie du bei solch einem Wetter drinnen sitzen kannst!“ Doch ich verstehe nicht, wieso schönes Wetter für andere plötzlich ein Zwang zum Rausgehen ist. Dinge zu tun, die man sonst auch nicht tut.

Die hellen Strahlen gucken mich erwartungsvoll an, wie eine aufgebrezelte Freundin, betteln aufgeregt „Nun komm schon, komm schooon!“ Sonnenbefleckte Blätter zappeln und jauchzen „Komm, mach mit!“ Unangenehme Eile frisst sich in meine Zufriedenheit. Ich bin schwach für Erwartungen, will immer Folge leisten. Ja, ich komme schon. Obwohl ich gar nicht weiß wohin und warum.

Ich bleibe sitzen. Einen Moment lang gehen mein Gewissen und die Stimme meiner Mutter gemeinsam potentielle Schönwettertätigkeiten durch. Dann tragen mich die sanft zwischen Licht und Schatten wehenden Halme fort. Zu einer Kette von Kitschbildern, die an Sonnennachmittagen entstanden sind. Zu Hollywoodhappyendszenen mit dramatischem Orchesterklang. An ferne Orte in herzzerreißendem Abendlicht, die ich niemals erreichen würde, selbst wenn ich sofort losrannte.

Sonnenscheinillusionen. Sehnsucht. Seufzen. Sitzenbleiben ist nichts Schlechtes. Sitzenbleiben ist nur realistisch. Das Jauchzen der Sonnenflecken aushalten. Überzeugung finden, sein zu dürfen ohne tun zu müssen.

Aufbruch – Magische Muster unter weißem Staub

Langsam bewegt der Fensterrahmen sich im Hauch des Nachtwindes vor und zurück. Manchmal kommt er der leeren Bierflasche bedrohlich nahe. Doch sie scheinen Respekt vorenander zu haben – unausgesprochenes Einvernehmen. Jeder lässt den anderen sein.

Zerknautschte Tücher liegen auf der staubigen Tischplatte, dahingeworfen mitten im Tun, nicht wieder angefasst, weil etwas anderes gerade wichtiger war. In die Staubschicht auf dem Tisch sind Muster gezeichnet – Muster, die beim Hinschauen zu Bewegung erwachen. Der verwackelte Rand einer Flasche, lachend abgestellt, hastig wieder aufgenommen. Die Aufmerksamkeit lag bei etwas anderem, hat den Raum mit Energie erfüllt.

Große, klare Kreise sind gemalt – weiße Eimer standen auf den Spuren, in denen jemand mit einem Stab Masse geschlagen hat. Schweiß und Musik liefen dabei. Ein bisschen Staub rieselt auf den Boden. Der Nachtwind grinst verschmitzt. Müde Imbusse verschiedener Dicke liegen schweigend in einer Kiste und ruhen sich unter einem Hauch weiß aus. Wer weiß, wann das nächste mal jemand nach ihnen greifen wird. Wer weiß, wann sie wieder zu tun haben werden.

Der Rand der gelben Spritzflasche lässt in der Ecke des Zimmers leise einen Tropfen fallen. Er sickert in einen Putzbrösel, der neben vielesgleichen auf dem Laminat gedöst hat. Niemand stört sich. Verschlafen blinzelt er hinüber zu dem erschöpften Staubsauger, dessen silbernes Rohr im fahlen Licht glänzt.

Sie alle haben heute hart gearbeitet. Und dabei nichts beanstandet. Sie haben funktioniert. Haben getan, was von ihnen erwartet wurde. Haben Gelächter und Frohsinn aufgesaugt und eine gute Behandlung erfahren. Nun schlafen sie alle, nebeneinander, wissend, dass sie wertvoll sind, wertgeschätzt werden. Zufrieden ziehen sie die Decke aus Staub noch etwas höher und träumen von morgen.