Tommot

Da, wo die Eisenbahnlinie Richtung Norden endet und nur noch eine Schotterpiste über tausende Kilometer Einsamkeit weiter durch endlose Lärchenwälder – die links und rechts der Straße weiß wie mit Puderzucker von Staub bedeckt sind – ins Nirgendwo kriecht, da liegt Tommot.

Vielleicht ist Tommot der Inbegriff von Sibirien. Zumindest von der Vorstellung von Sibirien, die man hat, bevor man herkommt und feststellt, dass andere Orte auch anders sein können. Vielleicht ist Tommot aber eigentlich auch der Inbegriff für etwas ganz Anderes. Nämlich für die Sehnsucht nach Sicherheit.

Macht man sich nach Tommot auf den Weg, kommt man durch eine kleine, staubige Fernverkehrsraststätte, die trotz ihrer ständigen Bewegung wirkt, als würde dort die Zeit stillstehen. Ein undankbarer Durchfahrtsort unzufriedener Seelen, Erschöpfter und Beschäftigter.

Dort gibt es zwei 24-h-Kafes aus buntem Wellblech, die Chai, Kotletis und bunt-verpackte Schokoladenriegel verkaufen, eine Tankstelle und ein kleines Frischmachhäuschen, in dem eine gelangweilte Frau 30 Rubel fürs Pinkeln kassiert und ein Vermögen fürs Duschen. Und eine Schinomontasch, vor der sich neben einem riesigen angeketteten Kläffköter benutzte Reifen zu Haufen türmen. Hier wird gewerkelt, repariert und ausgetauscht, was auf der endlosen Schlaglochpiste kaputtging. Davor sitzen drei ältere Frauen, die mit geringst möglichem Enthusiasmus versuchen selbstgesammelte Blaubeeren zu verkaufen, die in großen Weckgläsern in der unbarmherzigen Hitze vor sich hinmatschen.  Es kommen LKWs, Geländewagen und einzelnen normale Autos, parken kurz und fahren wieder. Die Menschen hier sind in ihren Gedanken. Stumm erledigen sie Dinge. Sie haben wenig Elan für einen Plausch und wenig Elan zu Helfen. Wenig Elan für irgendetwas, wirklich. Alle sind sie mit ihren Gedanken woanders. Entweder an den Orten die sie zurückgelassen haben, an denen, zu denen sie unterwegs sind oder an denen, an denen sie gerne wären.

Vor dem Café prügeln sich zwei Männer, bis der staubige Boden blutige Spuren trägt. Spuren roher, archaischer, alkoholisierter, männlicher Gewalt, wie ich sie schon an anderen sibirischen Orten gesehen habe. Nicht, dass die Sibiriaken im Vergleich zu anderen Völkern außergewöhnliche Alkoholiker wären. Nicht, dass sibirische Männer besonders gewalttätig wären. Nicht, dass sie sexistischer oder respektloser wären als Männer anderswo. Ich möchte glauben, dass es ein Zufall ist, dass ich hier so vielen von ihnen begegnet bin. Denn ich habe nicht die geringste Lust, irgendwelche Vorurteile zu bestätigen.

Utulik, Baikalsee, ein Sommernachmittag.

Walodia begleitet mich auf eine Wanderung. Eigentlich leitet er sie an. Obwohl ich mich nach nichts mehr sehne, als alleine zu sein. Das habe ich deutlich gemacht. Fast darum gebettelt. Aber alleine fände ich ja den Weg nicht. Wäre alleine auch nicht sicher und überhaupt, hätte Walodia ja sonst auch nicht so viele Gelegenheiten, sich als paarungswilliges Alphatier bestmöglich zu präsentieren. Walodia… Der gute Freund von guten Freunden. Der ständig durch Gesten zeigt, wie stark und männlich er ist, der ständig fragt, „er sei doch noch nicht alt, mit seinen 70 Jahren, oder?“, Walodia,… der keine Gelegenheit auslässt zu posen, nackt vor mir den Fluss zu durchschwimmen oder neckisch immer wieder ein bisschen Körperkontakt zu mir aufzunehmen und nebenbei ein Vodka nach dem anderen trinkt. Walodia, Ein guter Freund von guten Freunden, zu dem mich heute diese guten Freunden gebracht haben, weil sie sich in der sibirischen Einsamkeit um mich als alleinreisende Frau sorgten.

Walodia fragt mich mitten im Wald eindringlich, ob ich mir nicht einen sibirischen Mann vorstellen könnte, fragt, ob ich ihn denn nicht ebenso liebe wie er mich, fragt, ob wir nicht beieinander schlafen wollen. Walodia…. Ich bin sein Gast. (Ich habe das massive Bedürfnis, mich ebenfalls zu betrinken. Doch ich trinke keinen Schluck, weil ich das noch dringendere Bedürfnis habe, meinen klaren Verstand aufrecht zu erhalten.) Ich schlage mein Schlafsacklager auf seiner Veranda auf, weil ich mir einen potentiellen Fluchtplan in meinem Kopf zurechtbaue. Doch Walodia ist hartnäckig. Noch zwei Mal kommt er zu mir, immer stärker alkoholisiert, um zu fragen, ob er nicht doch bei mir schlafen solle. Es ist eine von zwei Nächten in Sibirien, die ich mit meinem Taschenmesser in der einen, und mit meinem Pfefferspray in der anderen Hand einschlafe.

Allein die Tatsache, als Frau alleine innerhalb Sibiriens zu reisen scheint ein geheimes Codewort dafür zu sein, in Wirklichkeit eigentlich nur nach männlicher Penetration zu suchen. „Adna?“ – „Adna!“ Ja, ich reise alleine, nein, ich habe keinen Mann zuhause, und das ist auch gut so, ja, das ist Absicht, das hab ich mir so ausgesucht, und ich weiß auch nicht, warum das jetzt gerade eine Rolle spielen sollte, und nein, ich habe keine Angst, auch nicht vor DIR, aber ich bin es Leid! von Männern wie DIR geil angeguckt, in Banjas und zu Sex eingeladen zu werden, anstatt als Mensch, und nicht nur als Frau behandelt zu werden.

Sibirien ist eine Landmasse von unbegreiflicher Größe und undurchdringlichen Wäldern. Voll von Distanzen, Isolation und Leere. Eine Landmasse voll weniger Menschen, die unerschöpflich Öl, Erze und Diamanten aus dem Boden buddeln. Die sich tapfer durch kalte, lange Winter kämpfen und die klaglos dörre Sommer und Mückenplagen hinnehmen. Menschen, die mit wenig auskommen und wenig Ansprüche haben. Menschen, die gerne mit ihren Nachbarn einen Trinken und füreinander da sind. Sibirien ist eine Landmasse voll Herzlichkeit. Voll Menschen, die nach Durchbruch ihrer harsch wirkenden Fassade Hilfsbereitschaft, Spaß, Liebenswürdigkeit und Treue zeigen, die ich fast als so grenzenlos erfahren habe, wie ihre Lärchenwälder. Doch selbst das Miteinander und die tapferen Beschäftigungen können nicht die allumfassende Leere aufwiegen, die hier in der Luft liegt, die sich in jedes Herz schleicht – auch in meines – und an ihm nagt. Viele Herzen Sibiriens sind einsam. Und unzufrieden.

Dorf Bystraja, 2 Uhr 40, eine laue Sommernacht.

Ich bringe meine Nachbarin Irina nach Hause. Sie hat mit uns im Garten sehr viel Wodka getrunken. So viel, dass ich mich frage, was sie wegzutrinken versucht. Eben ist sie beinahe vom Hocker gekippt und nun kann sie unmöglich selbständig nach Hause laufen. Ich begleite sie nach nebenan, wo ihr Mann und ihr kleiner Sohn auf sie warten. Als sie den Schlüssel endlich unter wiederholtem „was ich für ein feines Mädchen sei!“ ins Schloss gefummelt hat, wird die Tür vor uns aufgerissen und ein Mann steht im grellen Gegenlicht. Er schlägt seiner Frau so plötzlich mitten ins Gesicht, dass sie sofort umfällt und ich Sekunden brauche, um das Geschehen zu realisieren. Mit seinem Fuß tritt er in das zusammengekauerte und wimmernde Häufchen Elend auf der sandigen Dorfstraße, das seine Frau ist. Ich stehe steif und fassungslos, zitternd vor Angst und Entsetzen. Leise bringe ich ein: „Ey! Niet!“ hervor. Er hält inne und starrt mich an, durchdringend, still und drohend. Mit einer unwirklichen Wut und Unberechenbarkeit, der ich noch nie zuvor so ins Auge gesehen habe. Ich habe Angst. Angst, dass er mit mir dasselbe macht. Angst, dass er nachsetzt und seine Frau noch schlimmer verletzt. Ich möchte diese Frau beschützen. Und schäme mich, dass ich stocksteif stehe und mich nicht traue, es zu tun. Der Mann wendet seinen Blick ab, spuckt auf seine am Boden liegende Frau, dreht sich um, und verschwindet im Haus. Ich ziehe die weinende Irina vom Boden hoch, nehme sie in den Arm und schleife sie wieder zu uns. Ich frage mich nicht mehr, warum sie so viel trinkt.

Ich stehe an der staubigen Raststation Tommot am Fenster des Cafés und schaue zu, wie die zwei Männer sich blutig prügeln. Eine junge Frau rennt verzweifelt schreiend zwischen ihnen umher und versucht immer wieder einen der Männer wegzuziehen. Er stößt sie grob weg, sodass sie auf den Boden fällt, um sich wieder wie ein tobender Stier auf seinen Rivalen wegen Weißgottwas zu stürzen.

In mir die Leere Tommots. Sie ist ein Gemisch aus fassungslosem Kopfschütteln, Wut, stumpfer Resignation und verzweifelter Ratlosigkeit. Über all die Arschlöcher, denen ich hier begegnet bin. Denen ich in meinem Leben schon begegnet bin. Ich habe diese Männer so satt. Vielleicht gibt es hier mehr davon als anderswo. Vielleicht ist es Zufall. Definitiv gibt es im Allgemeinen viel zu viele von ihnen. Plötzlich überfällt mich eine unendliche Sehnsucht nach „meinen Männern zuhause“. Anständige Kerle, jeder einzelne von ihnen. Freunde, allem voran. Manche von ihnen auch mehr. Aber unsere Verhältnisse machen bei diesem Gefühl, nach dem ich mich jetzt so sehr sehne wie nie zuvor, keinen Unterschied. Eine Rolle spielt einzig der Respekt, den sie verkörpern und den ich hier vermisse. Meine Männer zuhause… Die fragen, wie es mir geht, und die es auch wissen wollen. Die mich nie wie „nur eine Frau“ oder herabfällig behandeln würden, nie auf meine Brüste starren oder etwas Übergriffiges tun würden. Meine Männer Zuhause… Mit denen ich gemeinsam im Bett liege, einfach nur um einen Film zu gucken oder Musik zu hören, einfach so. Ohne dass es ein Versprechen oder ein vor-Vorspiel ist. Weil Frau und Mann so etwas heutzutage in meiner Lebenswelt machen können.

Die staubige Stille Tommots flüstert mir das Erwachen meiner Naivität. Die schmerzhafte Erkenntnis, dass Männer wie „meine Männer zuhause“ keine Selbstverständlichkeit sind. Dass sie weltweit vielleicht nicht einmal die Mehrheit darstellen. Dass wahrscheinlich die wenigsten Frauen weltweit sich automatisch so sicher fühlen können, wie ich es aus meiner Lebenswelt gewohnt bin.

Die hier endenden Eisenbahnschienen zeichnen ein großes Bild mitten ins Nirgendwo. Eine Zeichnung von Leere und Lethargie, von animalischem Verhalten und männlichen Abgründen. Abgründen, die hier ihre Außergewöhnlichkeit für mich verloren haben.

Wahrscheinlich ist es Zufall, dass ich auf dieser Reise so vielen Männern begegnet bin, die mir diese Gefühle und Erkenntnisse nähergebracht haben. Trotzdem bleiben Utulik und Bystraya und Tommot in mir. Und Edinburgh und Alkudia und St.Dizier und viele andere Orte, an denen sich ebenfalls Arschlöcher in mein Leben eingebrannt und es nachhaltig beeinflusst haben. Und das ist gut so. Damit ich nie vergesse. Damit es mich erinnert, was längst noch nicht selbstverständlich ist. Damit ich dafür kämpfe, was selbstverständlich werden MUSS:

Es MUSS, überall auf der Welt, eine Selbstverständlichkeit sein, dass Frauen sich in Gegenwart von Männern sicher fühlen können!

Dass sie sich keine höflichen aber bestimmten Ausreden ausdenken müssen!

Dass sie sich nicht um potentielle Fluchtmöglichkeiten sorgen müssen!

Dass sie mit Respekt behandelt werden!

Es muss, überall auf der Welt!, selbstverständlich sein, dass Frauen keine Angst haben müssen!

Auch – und gerade – dort, wo die Eisenbahnlinie endet.

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