Werdegang eines Künstlers

Abschied von einem Freund.

Mein geliebter Aquarellkasten,

Heute ist der Tag gekommen, an dem ich dich mit blutendem Herzen und schwerem Gemüt zurücklasse. Drei deiner wichtigsten Farben sind leer und es ist nun an der Zeit, dich durch einen – immerhin auch russischen – Nachfolger zu ersetzen. Wie du weißt, ist dies ein furchtbar wehmütiger Augenblick für mich. Aber für alle außer uns beide ist es vermutlich schwer nachzuvollziehen, wie du mir so wichtig hast werden können.

Weißt du noch?  Vor ziemlich genau 4 Jahren habe ich dich für 30 Som (0,50€) in einem winzigen Magazin in Baetov, Kirgistan, gekauft. Weil mir deine stiftförmigen „Aquarell“brüder nicht mehr gereicht haben, um mich auszudrücken. Ich wollte weiter! Wenige Tage später habe ich dann mein erstes Bild mit deinen Farben (und chinesischen Kosmetikpinseln) im schneidenden Wind von der umwerfend schönen Song-Kul-Hochebene, ihren Bergen und Jurten gemalt.

Dieses Bild war nicht nur mein erstes richtiges Aquarell (und ist später sogar Motiv meiner Visitenkarte und Markenzeichen geworden). Als es fertig war, habe ich es in der untergehenden Bergsonne lange betrachtet. Und das war der Moment, in dem ich einen für mein Leben bedeutsamen Entschluss gefasst habe. Den Entschluss, endlich den Traum wahr zu machen, der schon seit meinen Kindertagen, trotz diverser Ablehnungen an Kunsthochschulen und einem darauffolgenden ganz anderen Studium, nie aufgehört hat in mir zu brodeln. In jenem Moment, mit DIR auf meinem Schoß, habe ich unumstößlich beschlossen: ICH WERDE KÜNSTLERIN! Koste es was es wolle.

Dieser Entschluss liegt nun vier Jahre zurück. Und inzwischen gibt mir mein Umfeld das Gefühl, mich zu Recht Künstlerin ohne Anführungsstriche zu nennen. Ich darf in der Künstlersozialkasse sein, habe einige Ausstellugen gemacht, bekomme Aufträge und verdiene sogar tatsächlich einen Teil meines Unterhalts durch die bildliche Kunst, an die ich durch dich zum ersten Mal WIRKLICH geglaubt habe. Ja, mit dir – und vielleicht nur durch dich – bin ich zur Künstlerin geworden! Du warst ein wichtiges Puzzleteil, das zum Bild meiner jetzigen Identität beigetragen hat.

Die zu verwirklichen hat mich tatsächlich einiges gekostet. Meinen „gesunden“, als „normal“ betrachteten Rhythmus und Lebensstil, der mich von einem Großteil meines sozialen Umfelds distanziert, bedeutsame zwischenmenschliche Beziehungen die kaputtgingen und immer wieder viel, viel Kraft, Hadern, Zweifel und Leiden. Was wohl alles zum Künstlerdasein dazugehört…. Du weißt, das es weiß Gott nicht immer einfach ist. Aber meistens wunderschön und oft ertrinke ich sogar fast in Dankbarkeit über dieses Dasein. DU hast alle dieser Stimmungen kennengelernt…

Vier Jahre lang habe ich dich benutzt und du hast mich immer treu begleitet. Durch Tiefen und Höhen, Freizeit und Arbeit, durch meinen Alltag und meine Reisen. Durch viele Orte Deutschlands, Schottlands, Englands, durch Ungarn und sogar bis in den Fernen Osten Sibiriens! Viele Menschen konnte ich mit Bildern erfreuen, die durch dich entstanden sind. Und wie oft hast DU MICH erfreut! Hast mir das Gefühl gegeben, nicht einsam zu sein, jemanden bei mir zu haben, der mich kennt, der mich wortlos versteht. Und du hast mir das Gefühl gegeben JEMAND zu sein. Jemand, der inzwischen nicht mehr ganz so verloren in der Welt ist, sondern einen Platz darin gefunden hat. Durch dich. Denn du hast mir stets Selbstvertrauen gegeben und Sicherheit. Was du mit meinem Leben gemacht hast, ist unglaublich!

Ich werde dich nie vergessen und dir für immer dankbar sein, du kleines kirgisisches Stück Plastik.

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