Zeitloser Raum. Fünf Tage und Nächte in der Transsib

Es gibt für mich keinen typischeren Klang in Sibirien als die durch die dunkle Nachtluft der Bahnhöfe hallende Frauenstimme der Lautsprecherdurchsagen. Es klingt gespenstisch verzerrt, wie eine Funksstimme aus dem All. Der Nachhall ist so zeitvezögert, dass sie sich mit ihrem eigenen Doppelklang überlagert. Kaum kann man die Worte verstehen, die diese mechanische Geräuschkette bilden. Ich sowieso nicht, mit meinen wenigen russischen Sprachfetzen.

Zwei Monate war ich in Sibirien. Ich bin durch Landschaften und Orte gereist und manchmal hier und da für eine längere intensive Weile irgendwo angekommen. Als freischaffende Künstlerin war ich in einer äußerst vage definierten Mischungsmission aus Urlaub, Arbeit und Abenteuer unterwegs. Vielleicht war ich auch auf einer tieferen Suche nach etwas, von dem ich aber, wenn, nicht wusste, was es war.

Zwischen Novosibirsk, dem Baikalsee, einer Kleinstadt namens Tynda, Jakutsk und Moskau – alles per Zug oder Auto – habe ich Vieles gefunden, was ich nicht erwartet hatte und Vieles, wonach ich auf der Suche gewesen war, nicht finden können. Statt Camping, Wanderungen und Abenteuer in wilder Natur war diese Reise vor allem geprägt durch Begegnungen. Ich habe menschliche Schätze gefunden und so nah kennenlernen dürfen, dass sie mein Leben nachhaltig bereichern werden und daneben viele weitere äußerst spannende – positive wie negative – zwischenmenschliche Erfahrungen gesammelt. Und nicht zuletzt habe ich mich selbst wieder einmal ein Stück besser kennengelernt.

Nun sitze ich im Zug nach Hause. Ich habe ein „Rückfahrticket am Stück“ gebucht – ohne die vielen Stops, über die ich mich vorher langsam von Ort zu Ort gehangelt habe Jetzt fahre ich von Tynda, etwa 1500 Kilometer östlich des Baikalsees, direkt nach Moskau. Fünf Tage und Nächte im Zug. Und weil Menschen immer mit Begeistung in der Stimme und mit diesem Augenleuchten aus Faszination über das Unbekannte fragen: Ja, es ist die Transsibirische Eisenbahn. Aber das Bild, diese milchige Vorstellung von diesem wilden, fernen, misteriösen von Abenteuern durchsähten Sibirien, das wir hier in Europa haben, ist in Wirklichkeit viel unspektakulärer als es in den meisten Köpfen gemalt wird.

Entschuldigung, ich muss desillusionieren: Die legendäre „Transsibirische Eisenbahn“ ist nicht ein bestimmter Luxuszug der auf einer ausgewählten Strecke durch die traumhaftesten Landschaften von Europa bis an das Japanische Meer fährt, während man als entspannter Passagier in hübsch hergerichteten Waggons von immerlächelnden Zugbegleiterinnen betüdelt wird. Nein.

„Die“ Transsibirische Eisenbahn gibt es eigentlich gar nicht. Das russlandweite Eisenbahnunternehmen heißt RZD und auf dem erst seit wenigen Jahren durchgängig verlaufenden Schienenstrang quer durch Russland fahren etliche ganz ordinäre Züge, die Orte und Menschen zweckmäßig miteinander verbinden. Diese Bahnstrecke bindet Menschen an den entlegendsten Orten, zu denen es häufig nicht einmal Straßenverbindungen gibt, an den Rest der Welt an. Diese Menschen sind auf sie angewiesen und sie nutzen sie für alle möglichen alltäglichen Anliegen: Den Bruder im drei Tagesreisen entfernten Dorf besuchen, zur Untersuchung in das sechs Stunden entfernte Krankenhaus oder nach den Ferien bei der Familie zurück in eine westrussische Großstadt zur Uni fahren.

Natürlich gibt es sie auch, diese vorher bei einer Reiseagentur gebuchten Luxuszüge, die einzig für und mit Touristen unter dem Titel „Von Moskau bis Vladivostock“ durch das Land fahren und es mag sein, dass die Konduktorinnen in ihnen wirklich außergewöhnlich viel gute Laune haben (vielleicht weil sie hoffentlich gut bezahlt werden, denn diese organisierten Reisen mit der Transsib sind höllisch teuer!). Meistens aber fährt man mit einem der vielen Züge ganz schlicht von einem Ort zum nächsten. Man kauft unkompliziert ein billiges Ticket an einem Bahnhofsschalter von dem die Farbschichten abblättern und sitzt dann in einem menschengefüllten, heißen Waggon der dritten Klasse, in dem Kinder schreien, die Leute Räucherfisch und eingelegte Gurken essen und unter den Sitzbänken immer noch eine Flasche Vodka versteckt haben, die sie fröhlich mit ihren Konsorten trinken. Die Zugbegleiterinnen sind meistens tatsächlich sehr nett und ein spannendes Erlebnis ist so eine Fahrt allemal. Aber fünf Tage sind eine verdammt lange Zeit.

Ich war gespannt auf die Fahrt. Am meisten darauf, wie sich fünf Tage mit so wenig Abwechslung anfühlen. Leider – entschuldigung, ich muss wieder desillusionieren – kann ich die landschaftliche Vorstellung, die wohl die Meisten (inklusive mir, vor dieser Reise) von Sibirien haben, nicht bestätigen. Es gibt sie wohl, die vielen unendlich abwechslungsreichen und wunderschönen Naturformationen. Nur ist Sibirien eben auch ein sehr, sehr großer Landstrich. So groß wie Europa. Daher vollzieht sich die Variation unglaublich schleppend, sofern man sie auf seinem Strekenabschnitt überhaupt erfährt. Denn viele der außergewöhnlichen Landschaften Sibiriens sind leider so weit entfernt und so schwer zu erreichen, dass sie einem gewöhnlich Reisenden komplett verwehrt bleiben. – Die sagenumwobene, kahle Tundra des hohen Nordens, die majestätischen Vulkane Kamchatkas, die gigantischen Wasserfälle und beeindruckenden Berge des Altaigebirges – alles schrecklich weit weg und schrecklich teuer zu organisieren.

Allermeistens ist Sibirien daher vor allem eins: Wald, Wald, Wald und Wald! Endlose Kiefern-, Lärchen- und Birkenwälder. (In die sich manchmal auch eine einzelne Pappel oder Tanne verirrt hat.) Man verzweifelt bei dem Versuch, sich ihre Endlosigkeit nur vorzustellen. In manchen Gegenden wirkt es, als sei Sibirien der Geburtsort aller Birken. Als wären die paar Birken, die uns in Europa ab und an den Weg kreuzen, einst von hier aufgebrochen um der Eintönigkeit ihresgleichen zu entfliehen die große weite Welt zu sehen, an einem fernen Ort zu wurzeln und dort ihr Glück zu finden.

Und so zauberhaft die Ursprünglichkeit dieser wilden Landschaft auch ist – eine derartig flächenriesige landschaftliche Gleichförmigkeit, wie sie sich auf einem langen Teil der Transsib-Strecke mit beharrlicher Penetranz in Auge, Kopf und Herz des Bahnreisenden meißelt, ist mir noch nie zuvor begegnet!

In dem 3.Klasse-Waggon mit offenen Abteilen habe ich eine gemütliche Pritsche, die sich tagsüber in einen Tisch mit zwei Sitzen verwandeln lässt. Außerdem fünfzehn aufgedrehte Männer um mich herum, die laut und fröhlich trinkend in ihren Urlaub fahren. Zwei Monate arbeiten – irgendwo am Ende der Welt bei einer Firma die irgendeinen Rohstoff aus dem Boden buddelt –, einen Monat Urlaub Zuhause bei Frau und Kindern. So leben viele hier in Sibirien.

Anfangs, als die Männer noch meinten in mir als alleinreisende Frau aus Deutschland ein gutes Spielzeug gefunden zu haben, war es sehr anstrengend. Aufmerksamkeitsmittelpunkt einer Horde trinkender Männer zu sein, ist immer nervig. Vor allem aber, wenn man kaum eine gemeinsame Sprache beherrscht. Man kann weder mitflachsen, noch doofe Sprüche souverän abwehren, noch ausreichend Informationen austauschen um ein interessantes Gespräch aufzubauen. So bleibt oft nur ein einseitiges vollgelabert-Werden vom süßem Dunst der Vodkafahne. Aber schon mit dem ersten Kater am zweiten Tag werde ich für die Gruppe uninteressanter. Ich verbringe viel Zeit mit Ausgucken und Nichtstun. Manchmal schreibe ich ein bisschen.

Entlang der Transsibirischen Einsenbahnstrecke riecht es durchweg nach gesägtem Holz, Diesel, Braunkohle und dem wunderbaren Parfum der Zugbegleiterin. Alle kurze Weile treffen wir einen entgegenkommenden Güterzug, denn der massige Rohstoffabtransport geschieht hier fast ausschließlich per Eisenbahn. Manchmal riecht es auch kurz und streng nach Fleisch, wenn die Abteilgefährten ihren – sicherlich hausgemachten – Proviant aus der Plastiktüte holen, mit einem riesigen Messer zerteilen und unter melodischem Gebrabbel schmatzend zum Chai verzehren. Ich knabbere tütenweise Zemetschkis – geröstete Sonnenblumenkerne, von denen ich glaube, dass sie sind einzig und allein für sibirische Bahnfahrten erfunden worden sind. Die Mischung aus Beschäftigtsein damit sie aus der Schale zu friemeln und kontinuierlicher, aber winzig portionierter Nährstoffaufnahme macht sie zum perfekten Reisegebleiter. Perfekt um Zeit rumzubringen.

Hohe Wichtigkeit hat im Zug „der Plan“ – ein laminierter Zettel, auf dem jeder Halt, den der Zug macht, eingetragen ist. Vor allem die Raucher studieren ihn mit großer Sorgfalt. Denn auch in Russland sind die Rauchergesetze in den letzten Jahren immer strenger geworden. Unsere netten Zugbegleiter Natalya und Denis, die sich mit Tag- und Nachtschicht abwechseln, den Boden fegen, die Toiletten sauberhalten und vor Bahnhöfen verschließen, Bettwäsche verteilen, mit den Passagieren scherzen und ihre Fragen beantworten, lassen uns zwar manchmal auch bei den 2-minütigen Stops heimlich aus der offenen Tür eine schnelle Zigarette rauchen. Aber einen längeren, würdigen Stop zum Beine vertreten, Rauchen und Essen kaufen gibt es nur alle 3-8 Stunden.

Es gibt eine geheime Raucherkammer in dem lärmenden Zwischenraum, wo zwei Waggons unter wackeligen Metallboden aneinanderdocken, die mich, wenn ich beobachte wie regelmäßig Menschen darin verschwinden und irgendwann wieder auftauchen, an die Disapparierkammern aus Harry Potter erinnern. Doch ich traue mich nicht, sie zu benutzen. Nicht, weil ich Angst habe mich plötzlich in der Nocturngasse wiederzufinden, sondern weil streng schauende Polizisten regelmäßig den Zug patroullieren und Passagiere, die Rauchen oder Trinken, hochnehmen und Strafe zahlen lassen.

Der heilige Plan hängt am Anfang des Waggons, zwischen dem Kabuff der Zugbegleiter und dem Samowar, aus dem man rund um die Uhr kostenlos heißes Wasser für Tee oder Tütensuppen zapfen kann. Auf diesem Plan steht der Name jeden Bahnhofs an dem gehalten wird, dahinter die dortige Aufenthaltsdauer in Minuten (von 1 bis 140 ist alles dabei) sowie die Ankunfts- und Abfahrtszeit in Moskau-Zeit. Die Moskau-Zeit…

Russland streckt sich über elf Zeitzonen. Sechs davon überfahre ich auf meiner fünftägigen Reise. Alle Uhrzeiten, die mit der Bahn zu tun haben, werden stets in Moskau-Zeit angegeben, um Verwirrungen zu vermeiden. Zusätzlich wird auf Tickets und an Bahnhöfen aber auch die „Miesta“-Zeit verwendet, die Ortszeit. Nachdem ich – immer weiter westwärts reisend – die ersten Zeitzonen ohne geistige Probleme überquert habe und mein Handy dabei stets auf den „aktuellen Stand der Zeit“ bringen konnte, bin ich nach der dritten oder vierten Umstellung irgendwann doch vollkommen verwirrt. Wenn ich nun wieder eine Stunde zurückstelle, wieviele Stunden muss ich danach dann noch auf die auf dem Plan angegebene Moskau-Zeit draufrechnen um zu wissen, wann wir halten? Was eine ganze Zeit lang in meinem Kopf gut funktioniert hat, blockiert jetzt total.

Erst am letzten Tag unserer Reise, an dem wir unter zunehmendem Tempo bei weniger Stops ganze drei Zeitzonen überfahren und auch die landschaftliche Veränderung sowie die Dichte der Zivilisation entlang der Bahnstrecke rasant ansteigt, komme ich dahinter, das die Zeit die mein Handy anzeigt, eigentlich vollkommen egal ist. Ich hätte mein Handy genauso gut auf den anfänglichen Moskau +6 Stunden lassen und weiterhin damit rechnen können. Dann wäre es zwar irgendwann abends wirklich früh dunkel gewesen, aber einfacher.

Denn der Zug, in dem wir alle uns befinden, ist sogesehen ein zeitloser Raum. Er bewegt sich durch menschgemachte Zonen der Zeit, die nur an den Bahnhöfen existieren die wir passieren, die nur im Kontakt mit der Außenwelt überhaupt erst „real“ werden. (Sofern man bei der Zeit überhaupt von einer „Realität“ zu sprechen wagt…) Ich weiß nicht, ob es die Theorie der Transzendenz oder die des radikalen Konstruktivismus ist, die ich da gerade verstanden habe, weil ich mich mit meinem eigenen Körper in ihr bewege. Ich weiß, dass mir die meisten Theorien zu kompliziert sind, aber dass mich diese Fahrt in der Transsibirischen Eisenbahn zu einem ganz neuem Empfinden von Zeit und Distanz geführt hat.

Nach fünf Tagen durch siebentausend Kilometer, deren landschaftliche Vielfalt mit der Strecke Oldenburg – Hildesheim vergleichbar ist, auf einem Radius von 20 Quadratmetern, dessen Abwechslungsspektrum nicht mehr als Sitzen oder auf dem Gang stehen, Essen oder Nichtessen, Wachsein oder Schlafen beinhaltet, hat irgendwann nichts mehr einen Anfang oder ein Ende. Alles geht ineinander über, verschwimmt, wie ein Richter-Gemälde, wie die vorbeiziehenden, endlosen Baumstämme. Zeit fühlt sich nichtexistent an.

Die Männer gegenüber schauen Prison Break auf Russisch in Endlosschleife und die meisten ihrer Stimmen kann ich inzwischen im Dösen mit geschlossenen Augen zuordnen. Alle kurze Weile überqueren wir einen weiteren glasklaren Fluss von den Ausmaßen des Rheins, ein Bahnhof sieht aus wie der nächste und eine einzelne Stunde ist nur noch ein Witz von Zeit, der mit dem nächsten Schmunzeln schon vergangen ist.

Ich scheine zu verschmelzen, mit der Zeit, die ich nicht mehr fühle, mit dem Drumherum, dass mir so bekannt geworden ist, dass ich es kaum noch wahrnehme und mit einem Ort, an dem ich nicht mehr bin. Zeit und Raum haben sich in Bewegung verwandelt. Pure, stetige Bewegung. Auch in mir. Meine Gedanken reisen mir vorraus nach Hause, wo so vieles auf mich wartet. Und ich bin voll von so viel Neuem, was ich dorthin mitnehme.

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Ausstellung human. emotionen. absurditäten.

Ausstellung Human. Emotionen. Absurditäten. Janina Mau

„…Und dann bin ich ein Jahr durch Asien gereist. (…) Aber mit meiner Rückkehr hat mich eine der schwierigsten Phasen meines Lebens erwartet: Das wieder-Ankommen. In meiner Heimatkultur, in Deutschland. Ich habe gestrauchelt mit all dem Luxus hier, der es allein nicht bringt. Was früher normal für mich gewesen war, war mir plötzlich fremd. – Eine Kultur In der so vieles so durchstrukturiert und wohlorganisiert ist, von so extremem, aber unbewussten Wohlstand, der selten richtig wertgeschätzt wird. Ein Land, in dem Menschen selten wirklich glücklich sind mit dem, was sie haben. Und wir haben verdammt viel!

Durch diese Asienreise und mein ganzes vieles Rumgereise, habe ich einen anderen Blick auf unser alltägliches Leben und unsere Gesellschaft bekommen, der oft sarkastisch oder auch bissig ist. Der sich meist kritisch mit unserem Wohlstand, unseren Gewohnheiten, Erwartungen und Forderungen auseinandersetzt. Und der unsere Begehren, Emotionen und Normen hinterfragt.

Ich bin inzwischen angekommen. Aber ich empfinde immernoch – und werde es wahrscheinlich immer – viele Dinge und Gefühle, die wir als elitäre, westliche Gesellschaft haben und die wir als Selbstverständlichkeiten empfinden, als paradox und oft vollkommen absurd. (….) Und das ist die Geschichte dieser Ausstellung: Human. Emotionen. Absurditäten.“

Human. Emotionen. Absurditäten. In der Kunstbar Bremen
Human. Emotionen. Absurditäten. 25.03.-16.04.16 in der Kunstbar Bremen

Wealth

Ausstellung Bremen Vegesack

“Geprägt durch ihre vielen Reisen und einen einjährigen Aufenthalt in Asien hat die Künstlerin einen ganz anderen Blick auf unsere Gesellschaft mit ihren Begehren, Normen und Emotionen bekommen. Die gewonnenen Perspektiven und Fragestellungen kommen in Bildern, Objekten und Skulpturen zum Ausdruck.”

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Reviews:

Die Norddeutsche:

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Das BLV:

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Vielleicht so etwas wie Liebe

Auf der Terrasse hattest du mich gefunden.

Zersplitterte Freude klebte auf dem Boden.

Ich saß an diesem Tag ganz unten ,

zwischen den feuchtmoosgrünen Grassoden.

 

Aus tiefen, zugeklebten Abgründen

rotzte ich Auswürfe oberflächlicher Heiterkeit.

Du sagtest, du wolltest mich nie wieder traurig finden,

du sagtest, es sei jetzt an der Zeit.

 

Du sammeltest mich auf neben dem üppigen Rucola,

zwei Krümel und ein schüchternes Lachen.

Du sagtest, Sorgen wären immer da,

es lohne nicht sich einen Kopf zu machen.

 

Loszulassen hatte ich lang vergessen.

Es schwirrten abendlichttanzende Funken.

Wir haben eine Weile dort gesessen,

haben uns in zeitlose Laken gewunden.

 

Sich in dich zu verlieben war nicht schwer,

in dir zu versinken war ein Traum.

Wie die Januarsonne war ich völlig leer,

wie hungrig ich war, merkte ich kaum.

 

Zwei Raubtiere drinnen ohne Außenwelt,

kopflose Traumstunden verbrachten wir dort.

Du sagtest, dass dir meine Wortlosigkeit am besten gefällt –

Wie echt sind Gefühle ohne ein gesprochenes Wort?

 

Des anderen Welt konnten wir nie verstehen,

uns nicht mehr vor- oder rückwärts manövrieren.

Wir konnten keinen Schritt gemeinsam gehen,

uns nur am Ort der Kirschblüte verlieren.

 

Und maßlos fielen wir in den anderen ein,

folgten einem verzweifelten Triebe.

Und mit den Worten kam das Schreien.

Vielleicht war es so etwas wie Liebe.

I can`t have you to stay

I`m on the road, I`m on the run,

I just wanna freak, I wanna have fun,

no boundaries,

no responsibilities,

wanna make at least

something special out of every day,

and therefore I can`t have you to stay.

 

I do need someone who cares

though, who shares

the same thoughts and longings

without becoming

more than a good friend.

Because I know how such things end,

with me –

I will always flee

into the free

as soon as I start to see:

you caring too much.

You know what sucks?

I really liked you, liked the us,

but you started wanting too much.

You building cages, you always wanting to discuss

what is “us”

and all this further fuss

that goes with anything more than friendship.

 

So I can`t have you to stay, I`m sorry friend,

You know how it ends,

with me.

You should be able to see

I have to be free,

I have to watch my fringe

I have to spread my wings,

and my hormones all over the place,

so don`t try to track and trace me

It doesn`t work this way.

You can`t make me care more,

that`s for sure,

because I don`t even know what I`m looking for,

I think, probably for nothing, really, so far.

Too many times I`ve felt the pain

of having met someone in total vain,

I just don`t ever want to feel it again.

So don`t you complain,

you should be grateful I don`t obey you,

because I am the one here saving your heart, too.

 

And at the end of the day

we won`t find in each other what we are looking for anyway.

So I am sorry but you just can`t stay.

 

Beards with men – a victim`s view on facial hair

To all men out there who have not started to grow a beard yet: Don`t start! To those who recently have: Stop it. Right now! Stop the growth. We do have plenty of beards now! (To those few who already had beards before the big hype: You are allowed to keep them.)

Of course, guys, it is no question, they are the most sexy thing e.v.e.r. about men. But all of you now suddenly realizing it still doesn`t make it a must-have for everyone! Beard-beginners, you are too late! Don`t bother to get started now. Evolution went on. Women are not used to so much visual sexiness. It`s meant to appear in small doses only. We can`t cope with it.

Did you ever take a break to think about what it does to us? Do you even know how many women secretly suffer from uncontrolled sweating, speechlessness, fainting and other psychological based physical threats? Imagine the majority of us walking around naked! Tossing our long hair over skinny shoulders and our bare, sunlit breasts. How would that feel, huh? Yea, probably you`re smiling now, childishly wishing for it to be true! But I bet after the first excited week you`d get pretty annoyed by getting distracting fantasies and a hard on at every. single. corner.

Also, guys, this one-type-restriction doesn`t really fit into the free market economy. We get to decide from over 30 types of toothpastes but only between beard, beard and … beard? (And, well, some without any.) What happened to all the variety? It`s not fair. It`s not clever. From the marketing point of view it gets pretty boring, for us. For you it gets pretty exciting now though. Suddenly there`s beard wash and beard oil and beard combs and beard conditioner and beard everything! I do understand you are getting tempted. But despite what media tells you, beards are still not an appropriate accessory for everyone. A beard is meant to show the man. Not the other way round.

Some time ago there were some men with beards. You knew what you got with a man with a beard, back then. They were men who didn`t give a shit about skin care or their online reputation. They were men who didn`t have facebook. They were men who had landline phones, which they were strong enough to let unanswered sometimes. And they were men who loved to spend their time outside in the woods, who went camping and rented rowboats for a laugh. They were men who didn`t have hay-and-milk-and-gluten-and-cat-and-whatever-allergies! They were men who knew how to make a proper bonfire. And they were men who had a secret blanket for a woman when it got chilly.

Nowadays there are thousands of beards with men. There are thousands of beards on top of suits, beards on full wifi, beards on expensive-gluten-free-smoothies, beards on crammed tubes chatting on headsets, on whatsapp, on instagram. They are urban indoor beards. They are beards who never rest, beards who have never made a bonfire. And they are beards whose brains have been too busy to think of a blanket for the woman when it gets chilly.

Beards forget the men they hang on nowadays. And we women are left in a cold heavy sexy rain shower of too much facial hair, that looks all tempting but only on the rarest occasions meets the expectations we have of men with beards. Where are the male beings to collect bonfire wood with? To cuddle up to under the blanket when it gets chilly? (In peace and silence and romance.) You know, we are still wishing for proper knights, bandits, princes, taking us far away on horses, no matter if they have beards or not. But it seems we are mostly left helplessly in a modern world of assholes hiding behind fashionable face-haircuts, pretending to be what most of them aren`t. Please, men, be yourself! Conquer our hearts with honesty, not with beards! Don`t let you get carried away by a trend. Don`t show what you don`t have. Think twice (at least!) if a striking bunch of hair is really necessary for you or if you still know other ways to impress us. Please, stop being so boring by relying on your beards. And, please, for fuck`s sake, stop being so goddamn sexy!

Abenteuer Müllsammeln. Lieber gefunden als überflüssig.

Discounter sind ja der Tod von allem. Ist ja bekannt. Der Tod vom gesunden Preis-Leistungs-Gefühl, von guter Sitte und Ethik, von Bescheidenheit und Qualitätssensibilität, von unzähligen unglücklichen Schweinen und nicht zuletzt immer wieder auch von armen Menschen in fernen Ländern. Sperrmüll hingegen ist gut. Sperrmüll töten niemanden. Meistens jedenfalls. Seitdem Müll als Recyclingmaterial etwas wert ist, kleben – zumindest vor freistehenden Kleinbürgerhäusern auf dem Lande – gerne diese roten Zettel an rausgestellten halbdefekten Kühlschränken und brüchigen Keramikkübeln. Darauf steht: „Eigentum des Abfallunternehmens ASO Kreis Osterholz. Mitnahme verboten!“ – oder so ähnlich. Vielleicht auch noch etwas anderes, denn eigentlich lese ich diese Zettel nicht so genau. Genaugenommen ignoriere ich sie gerne, wenn ich mein Auto nachts leise auf mondscheindunklen Straßen parke um schnell und heimlich ein paar marode Haushaltsgegenstände wegzuschleppen, einzuladen und mich dann mit quietschenden Reifen breit grinsend wie ein Held fühle, davongekommen zu sein. Ha! Mich kriegt ihr nicht. Jedenfalls bis neulich nicht, als ich vertieft halb im Müllhaufen verschwunden war und dabei nicht gehört hatte, dass sich ein Bauer mit seiner Forke herangeschlichen hatte, bis er brüllte „Hey! Was soll denn das werden? Kommen Sie mal ganz schnell da raus!“ Da ich im dunklen nicht so gut argumentieren kann – vor allem nicht mit Menschen, die Müllmitnahme als illegale Aktivität ansehen – sprang ich aus dem Haufen und hielt wegrennen für das Beste. In seiner Rechtsauffassung bestärkt, rannte mir der Mann in seinen Gummistiefeln natürlich speerschwingend hinterher, aber Ha! Mich kriegt ihr nicht! I am the queen of getting by on the cheap. Und meistens funktioniert das auch ganz reibungslos.

Noch besser als Zufallsfunde sind nur geplante Plünderaktionen. Meine Müllsammelaktivitäten haben inzwischen professionelle Züge angenommen, sind längst kein Zufallsprodukt mehr, sondern werden gezielt angesteuert. So wie viele andere junge Menschen, die sich in rotzigen Turnschuhen gegen den Wohlstand verschworen haben, es heutzutage auch tun; sie sind vernetzt und sprechen sich ab. Somit groove ich also geradewegs auf einer Nebenspur des Sharing-Hypes vor mich hin. Wobei meine Strategie weniger das Teilen, als das schlichte an mich Reißen ist: Müllsammeln nach Flohmärkten! Flohmärkte sind ja oftmals gruselige Frauenklischees, in die hilflose Männer, loyal wie sie sind, mit hineingezogen werden: Übertöpfe gucken! Ooh, guck mal ist der schön! Für einen Mann gibt es wohl kaum etwas langweiligeres als Übertöpfe. Aber zur Endzeit der Veranstaltung aufkreuzen und nehmen, was übrig bleibt, ist für beide Geschlechter toll. Manchmal beobachte ich, wie ein regelrechtes Bonding stattfindet, wenn ein Pärchen gemeinsam kopfüber in einer Mülltonne hängt und entscheidet, was für die gemeinsame Wohnung noch gebraucht wird oder nicht. Solchen Paaren lasse ich dann doch immer, romantisch mitfühlend, den Vortritt zu Tonne oder Haufen. Was nach Flohmärkten weggeschmissen wird, ist eine beschämende Menge brauchbaren Zeugs. Zu den Schmuckstücken meiner letzten Funde gehörten eine Sackkarre, eine Hängematte, ein Tisch, ein roter Mantel – alles Dinge, die hervorragend in Lücken passten, die mein Hausstand noch zu füllen hatte. Und was ich wirklich nicht brauche, kann weitergegeben werden. Alles besser als wegschmeißen.

Das allerbeste am Müllsammeln ist allerdings, dass einem die Entscheidungen der Überflussgesellschaft abgenommen werden. Vor ein paar Tagen bin ich in der Waterfront – Bremens hipstes Einkaufzentrum – an gefühlten 3 Kilometern Glasscheiben vorbeigelaufen, die im Grunde alle dasselbe zeigen: Mit (teilweise viel) Geld zu erwerbendes vermeintlich gutes Aussehen für Menschen oder Wohnraum. Diese Fenster machen mit mir genau drei Dinge: Sie wecken in mir Bedürfnisse, die ich eigentlich gar nicht habe, sie überfordern mich gedanklich mit potentiellen Entscheidungen, die ich ohnehin nicht treffen werde und sie stoßen mich ab wegen der beiden ersten Gefühle. Als ich meine Begierde wieder unter Kontrolle und mich aus dem Sog der bunten Glitzerwelt befreit hatte, habe ich mich in meinem roten Flohmarkt-Müllhaufen-Mantel in einem der Schaufenster betrachtet und war zufrieden mit dem, was ich sah, aber vor allem glücklich darüber, dass ich durch diesen Fund keine Entscheidung hatte treffen müssen. Der Mantel passte zu mir, sah gut aus und er hatte mich gefunden. Nun besaß ich eben ihn statt einem anderen aus diesen endlosen Fenstern. Warum sollte es komplizierter sein? Und warum sollte man für etwas bezahlen, das sich im Überfluss von den Bäumen pflücken lässt?

Vielleicht weil es Läden wie DEPOT gibt. Hallen von Teufelswerk. Weil jede Frau, die durch dessen gläsernen Tore tritt entweder einen unmenschlichen Willen von Eisen oder einen vorangegangenen Portemonnaiediebstahl braucht, um dort leerhändig wieder rauszukommen. Dieses schreckliche Gefühl, alles plötzlich zu brauchen, diese Schmacht, alles plötzlich schön und schnuckelig zu finden, ist, fürchte ich, wieder mal Frauensache. Männer haben andere Probleme. Eines davon sind zum Beispiel Frauen, die sie zu DEPOT schleppen. Unglücklich und völlig fehl am Platze stehen sie zwischen den bunten Geschenkschleifenspulen und Glasperlendöschen und gucken sich verzweifelt nach irgendetwas Interessantem um. Sie finden nichts. Verkrampft klammern sie sich also an die vielen vollen Einkaufstüten ihrer Frauen. In solchen Läden besteht ihr einzig sinnvoller Zweck darin, diese Tüten zu tragen, um sich in diesem Meer aus Überflüssigem nicht noch überflüssiger zu fühlen. Irgendwann erreicht der bettelnde Blick nach Hause zu gehen durch den Wasserlilienvorhang dann doch das Herz der Frau. Sie stellt seufzend ein rosa Glafläschchen wieder ins Regal und hakt sich in den freien Arm ihres Mannes unter.

Gut, dass Männer uns Frauen rechtzeitig aus Dekoläden betteln. Gut, dass besonders verlockende Einkaufszentren oft an den Peripherien der Städten liegen. Gut, dass viele Menschen erkannt haben, dass neu nicht immer besser ist. Und gut, dass ich auf dem letzten Flohmarkt eine Heugabel gefunden habe, mit der ich dem nächsten Sperrmüllmuffel nun Gegenwehr bieten kann. Es lebe das Abenteuer Müllsammeln!

Feel with your heart what your eyes can't see